Die Gleichberechtigung schreitet voran. Auch in Serkenrode fiel im Jahr 2012 die Vorherrschaft der Jungs und zwar beim Kleppstern. Warum ich erst jetzt darüber schreibe? Weil ich es erst gestern gelesen habe. Jahrzehntelang durften nur Jungs kleppstern und die Mädchen fragten sich natürlich, wieso das so ist und warum das weiter so sein sollte. Ein Grund, warum es weiter so sein sollte, gab und gibt es nicht. Und von daher finde ich es gut, dass im Jahre 2012 und fürderhin die Mädchen am Kleppstern teilnehmen. Wieso es bis dahin so war, hat mit der Geschichte dieses Brauchtums und mit der katholischen Kirche zu tun. Manche stellen sich jetzt natürlich die Fragen: Was ist Kleppstern und was oder wer ist Serkenrode? Das letztere ist schnell erklärt: Serkenrode ist ein typisches sauerländisches Dorf und ein Ortsteil der Gemeinde Finnentrop. Finnentrop ist der Wohnort meiner Tante Trude. In den anderen Texten kommt sie das ein oder andere Mal vor. Für viele, die das Sauerland trotz des in Kreuzworträtseln immer wieder kehrenden Eintrags : heimtückisches, gemeines, kleines Mittelgebirgsvölkchen mit 12 Buchstaben = Sauerlaender nicht kennen, das Füllen einer Wissenslücke per Internetlink. Allerdings muss an dieser Stelle klar gesagt werden, dass die Sauerländer auf keinen Fall die, in den Kreuzworträtseln aufgeführten, Eigenschaften haben. Sie sind eigen, ja. Sie sind Fremden, also Zugezogenen, nicht unbedingt immer entgegenkommend, nein. Aber im Grunde ihres Herzens sind Sauerländer liebevoll, hilfsbereit und Familie und Freunde gehen über alles. Das gallische Dorf in den Asterix und Obelix Comics erinnert mich stark an meine Heimat. Immer wenn ich Asterix-Comic lese und das gallische Dorf kommt darin vor, bekomme ich heimische Gefühle. Auch ein handfester Meinungsaustausch, der im gallischen Dorf meist wegen der fehlenden Frische der Fische von Verleihnix vorkommt, kann im Sauerland am Rande eines Schützenfestes passieren. Allerdings hat das hier nichts mit Fischen zutun, sondern eher mit einer unterschiedlichen politischen Ausrichtung. Ich habe es schon einmal erlebt, wie die Ortsvereinvorsitzenden von CDU und SPD mal ganz frank und frei mit Holzlatten ihre Gedanken ausgetauscht haben. Aber ich glaube, das ist ein anderes Thema.
Kommen wir zum Kleppstern. Ich weiß nicht wieso, aber jedes Jahr zu Ostern, wird meine Erinnerung an das Kleppstern in meinem Hirn von ganz hinten nach vorn geholt und meldet sich in meinem Bewußtsein. Vielleicht liegt es daran, dass ich eine schöne Kindheit hatte, dass die Welt noch gut war, dass ich behütet war und ich mit dem Kleppstern nur schöne Sachen verbinde. Ich habe mit Tante Trude darüber gesprochen. Die meinte, das könnte gut sein. Aber was das behütet angeht, sollte ich mal mit meinem Bruder und meiner Schwester reden, denn es gäbe eine Geschichte, die mit einem Kinderwagen, einer Brücke und einem Bach zutun hat und eine andere, in der ein Fahrrad, ein Gepäckträger und eins meiner Beine eine nicht unwesentliche Rolle spielen. Ich kann mich daran nicht erinnern und falls ihr, meine Geschwister das hier lesen solltet: ich hab euch lieb. Aber zurück zum Kleppstern. Wenn ich in München oder auch in Berlin im Bekannten- und im Freundeskreis vom Kleppstern erzähle, ernte ich jedes Mal aufs Neue erstaunte, fragende Gesichter. Von daher hier für alle Interessierten eine kleine österliche Brauchtumsaufklärung. Ich habe, ob des Unverständnisses und des Unwissens der anderen Leute, eine allseits bekannte Internetsuchmaschinse genutzt, um herauszufinden, wo denn das Kleppstern praktiziert wird. Und siehe da, das Kleppstern gibt es nur im Sauerland. Da von Gründonnerstag bis Karsamstag in unserem Dorf die Glocken der Kirche nicht läuten, müssen die wesentlichen Zeitansage um 06:00 Uhr, um 12:00 Uhr und um 18:00 Uhr von jemand anderem gemacht werden. Den Kleppsterern! Früher waren es die männlichen Messdiener. Das ich , der ich kein Meßdiener war, mitkleppstern durfte, lag wohl an einem Tête-à-Tête meiner Schwester mit einem Oberkleppsterer. Danke dafür. Heute gibt es kindliche, jugendliche, nicht meßdienende Kleppsterer beiderlei Geschlechts. Diese ziehen mit verschiedenen krachmachenden Gerätschaften an oben genannten Zeiten durchs Dorf. Krachmachende Gerätschaften sind aber nicht x-beliebige Sachen, sondern es gibt eigentlich nur drei verschiedene Kleppstern: die Ratsche, den Hammer und etwas, was wir Knarre genannt haben. Das Haben einer solchen Kleppster war und ist Grundvorraussetzung: keine Kleppster, kein Kleppstern. Eine Kleppstergruppe war natürlich streng hierarchisch aufgebaut. Es gab Jungkleppsterer (die Frischlinge), Kleppsterer und die Führer der Kleppsterer. Die Führer notierten auch das Fehlverhalten der anderen in ihren Heften. Verhielt man sich nicht kleppsterergemäß, bekam man einen Eintrag. Konnte man den dorfeigenen Kleppstererrhytmus nicht ( bei uns im Dorf war es: rrrrrt, rrrrrt, rrt, rrt, rrt, rrrrrt, rrrrrt, rrrrrt ) bekam man einen Eintrag. Am Karsamstag beim letzten Kleppstern, welches um 12:00 Uhr stattfand, wurde abkassiert.Dann nahm die Gruppe auch noch einen Bollerwagen (ein schönes Wort ) mit und erhielt von jedem Haus den Lohn für die harte Arbeit der Uhrzeitansage. Dies konnten Ostereier sein (nicht so gerne gesehen), konnten Süßigkeiten sein ( ja, ganz prima ) oder Geld ( Tschakka ) sein. Der Lohn wurde dann von den Führern unter Ausschluß der Restkleppsterergruppe aufgeteilt. Und irgendwie war es immer so, dass die Führer zwar wenig Eier nach Hause trugen, dafür aber mehr Geld und Süßigkeiten in der Tasche hatten. Es lag wohl an den Einträgen in den Heften. Ich habe außerdem nie herausgefunden wie der Tauschkurs Ei – D-Mark war. Merkwürdigerweise bekamen alle immer den gleichen Anteil, wenn das Teilen bei Tante Trude stattfand. Wie sagte der verstorbene Gatte von Tante Trude, Onkel August dann zu den Oberkleppsterern: „Erstens kommt es anders zweitens als man denkt“.