München: die nördlichste Stadt Italiens, Oktoberfest, Bayern München, Hofbräuhaus, BMW, Weißbier, Biergärten, ….

Ich wohne in München. Manch einer wird mich beneiden, andere werden mich bedauern. Mein Verhältnis zu München ist zwiespältig. Ich lebe hier seit sieben Jahren und so richtig warm geworden bin ich mit München noch nicht. Es mag daran liegen, dass ich vorher in Berlin gewohnt habe. Da war ich 25 Jahre lang,  mehr als die Hälfte meines Lebens (jedenfalls gemessen an dem Lebensalter welches ich hatte, als ich wegzog). Ich glaube, es liegt an der Stadt. Mit den Menschen, die ich hier kennengelernt habe, verstehe ich mich, die mag ich. Ich finde die ganz normal. Also so normal, wie Leute sein können mit denen ich mich verstehe. Ist das eigentlich ein Paradoxon? Aber was ist schon normal. Ich habe mich mit Tante Trude darüber unterhalten. Sie meinte, dass meine Bekannten und Freunde nicht sehr normal sein können, so schräg wie ich drauf bin. Aber das sagt jemand, der immer um Punkt 16:15 zu Abend isst und danach bis 17:00 Uhr ein Nickerchen macht und dann auf keinen Fall gestört werden darf. Die ihr höchstes Glück bei der Betrachtung von Karnevalssendungen und -umzügen findet. Die sommertags in einer Kittelschürze zum Einkaufen geht. Die Sofaschoner ihr Eigen nennt und nutzt. Aber ich verzettel mich.
Ich finde es erstaunlich, dass die meisten Münchener (Ich wusste nicht, ob man Münchner oder Münchener schreibt. Ich habe im Duden nachgeschlagen.) die man fragt, was sie an München so gut finden, antworten: „Da ist man so schnell draußen, in den Bergen, in Italien.“ Hmmm?! Die Leute finden es also gut, einen Platz zu haben, den sie schnellstmöglich wieder verlassen können?! Das ist so, als  kniffe ich mir in den Arm und erfreute mich daran, dass der Schmerz nachließe. Vielleicht ist es aber die Freude darüber, dass man aus der Ferne dann wieder zurück kommt, nach Hause kommt. Nicht mehr die Berge hoch und runter kraxeln muss und bedauert nicht drei Lagen Blasenpflaster auf die Ferse geklebt zu haben. Nicht mehr hechelnder Weise mit rotem Kopf nach Atem ringend auf seinem Bike einen Berg rauf strampeln muss und sich ärgert, wenn ein Rentnerehepaar in den Siebzigern pfeifender Weise auf einem E-Bike an einem vorbei schnurrt und winkender Weise ein völlig relaxtes Hallo einem zuruft und dann ratzfatz hinter der nächsten Biegung verschwindet.
Aber es hat schon was, das Wandern und das Biken. Denn die Mühen lohnen sich. Oben angekommen, ist es da: das Gefühl den Sieg errungen zu haben, den Berg bezwungen zu haben, den Schweinehund unten im Tal abgehängt zu haben, etwas einzigartiges geschafft zu haben, eins zu sein mit der Natur, die Ruhe geniessen zu können. Und das wichtigste ist, dieses Gefühl muss man nur mit ganz, ganz wenigen Menschen teilen.

Zugspitze im Sommer

Aber kommen wir zu etwas anderem. Was auch noch gut ist, ist die Jobsituation in München. Nirgendwo in Deutschland gibt es so hochdotierte Stellen. Außer man arbeitet in Dienstleistungsgewerbe oder im Handel oder ist Auszubildender oder ist Pratikant oder ist Student oder ist Hilfskraft oder oder oder oder… Denn Wohnen in München ist teuer. Wenn man also keiner der letztgenannten Personengruppen zugehört, könnte man sich eine Wohnung oder ein Häuschen kaufen. (Was mir wirklich fehlt, ist ein Schenkelklopf-Smiley. Über eine entsprechende Nachricht freute ich mich.) Alle anderen sollten hoffen, dass sie jedes Jahr eine 5 %ige Gehaltserhöhung bekommen, denn die Kappungsgrenze für Mieterhöhung liegt in München bei 15 % in drei Jahren. Auch an die Dünnhäutigkeit und die Sensibilität von Vermietern und Maklern sollte gedacht werden. Ich habe vor kurzem von einem Fall gehört, wo eine Maklerin Grundfläche, Nutzfläche und Wohnfläche verwechselt hat und eine Wohnung statt mit 83 qm Wohnfläche, mit 92 qm inserierte. Es ist für eine Wohnungsmaklerin wirklich schwierig diese Begriffe voneinander zu unterscheiden. Sie gehören ja so gar nicht zu ihrem Fachgebiet. Und auch die Maßaufnahme einer Wohnung muss ein Makler / eine Maklerin nicht kennen. Wer soll denn schon wissen, dass die Fläche eines Balkons normalerweise nur zu einem Viertel zur Wohnfläche zugerechnet wird und nicht verdoppelt wird.  Da kann man sich schon einmal vertun. Auch die Himmelsausrichtung der Häuser scheint sich häufiger zu verändern. So wurde in oben genannten Beispiel aus einem 7 qm Südwestbalkon im Inserat, ein 1 qm großer Nordbalkon in der Realität. Das dann der Vermieter auch Schwierigkeiten hat und die  Grundfläche und nicht die Wohnfläche als Grundlage der Mieterhöhung nimmt, ist nur allzu verständlich. Woher soll er denn auch wissen wie groß seine Wohnung ist. Mieter sollten also Einfühlungsvermögen aufbringen und die Portemonnaies öffnen und auf keinen Fall auf ihrem Recht bestehen. Was gibt es schöneres als glückliche, strahlende Vermieter / Vermieterinnen und Makler / Maklerinnen, die mit einem immer währendem Lächeln in einem Porsche Cayenne durch die Gegend fahren.

Irritation #009, München, Wohnung, Wohnraum, sozialer Mißstand, fokumu.de
Nicht genügend bezahlbaren Wohnraum in ausreichender Menge zu haben, irritiert mich. Es sollte möglich sein, ein solch fundamentales Bedürfnis sicherzustellen.

Diese positive Stimmung der Makler und Vermieter wird in Bayern momentan aber durch die Politik verschlechtert. Die Regierung schafft Überkapazitäten im Wohnungsbereich (Ich brauche wirklich einen Schenkelklopf-Smiley). Der neue Ministerpräsident Hr. Söder hat vor kurzem kundgetan, dass er eine neue Wohnungsbaugesellschaft mit dem Namen Bayernheim gründen möchte. Diese soll 2000 neue Wohnung in Bayern bauen. 2000! Bis zum Jahr 2020! In ganz Bayern!  Wohnbauoffensive! Nur Miesepeter stänkern und sagen, dass Wohnraum trotzdem knapp wird. Warum Hr. Söder sich im Jahre 2013 für den Verkauf der landeseigenen Wohnungsbaugesellschaft GBW mit insgesamt 32.000 Wohnung an eine Investmentgesellschaft namens Patricia stark gemacht hat, und damit 32.000 Mieter in die Hände einer kapitalmaximierenden Gesellschaft gegeben hat und nicht ein vom Markt unabhängiges Wohnungspolster geschaffen hat, liegt seiner Aussage nach an der Alternativlosigkeit. Da kann man wohl nichts machen. Aber was sagte der verstorbene Gatte von Tante Trude, Onkel August zu diesem Thema: „Wer alternativlos sagt, ist einfallslos.“ Im besten Fall.